BRIGITTE REUTNER

FUNDSTÜCKE VOM STRAND DES LEBENS

 

Anna Maria Brandstätter lebt nahe am großen Strom - an der Donau. Tagtäglich schieben sich Unmengen von Wasser an ihrem Haus vorbei. Ein beständiges Fließen ist das, alles ist permanent in Bewegung. Es gibt keinen Stillstand und keiner der Wassertropfen wird vermutlich je ein zweites Mal an ihrem Fleckchen Donauufer vorbeischwimmen. 

 

Feder und Tusche sind das bevorzugte Arbeitsmittel Brandstätters in der Grafik. Hinzu kommt noch die Ölmalerei. In den Gemälden bilden wallende Farbräume und in den Grafiken dynamische Linienwirbel den Grundtenor der Arbeiten. Die daraus entstehenden Formen wuchern, dehnen sich aus, ziehen sich zusammen und pulsieren wie ein lebendiger Organismus. Helle und dunkle Farbabstufungen sowie die verschiedenen Nuancen der Farbe Blau führen zu einer lichthaltigen Wirkung. Wir sehen, wie das Licht in die Farbmassen einfällt. Es durchdringt die Form, verleiht ihr Transparenzen und haucht ihr erst das Leben einer Kunstwirklichkeit ein.

 

Ex oriente lux – aus dem Osten kommt das Licht, formulierten einst die Römer. Daher kommt das Wort orientieren.“ Man orientiert sich – seit Menschengedenken an den Gestirnen. Doch das, was da draußen vor sich geht, ist auch in uns. Lange Zeit, d. h. bis in das 17. Jahrhundert galt die Theorie von der Gleichheit des Menschen und des Universums, bis sie im 17. Jh. von der Wissenschaft abgelehnt wurde. Dieser Theorie zufolge wäre „jeder Mensch (...)  ein Mikrokosmos oder, besser gesagt, eine Welt en miniature, da sich in seiner Struktur (sowohl der anatomischen als auch der psychischen) im Kleinen die des Universums wiederholt. Umgekehrt sind die Erde, die Sterne, die Planeten und der ganze Kosmos in ihrer Gesamtheit dem Menschen ähnlich; sie sind große Tiere, lebendig und sowohl mit einer Seele als auch mit Organen und Gliedmaßen ausgestattet.“ 

Noch zu Beginn des 17. Jh. verglich der Astronom Johannes Kepler in seinem Aufsatz über die Weltharmonie (1619) die Erde mit dem Körper eines Wals (dessen mehr oder weniger starker Atem während des Wachens oder Schlafens als Erklärung für die Gezeiten dienen könne.) 

 

Jedes Ding hat eine bestimmte äußere Form, eine bestimmte unverwechselbare, individuelle Beschaffenheit. Die Dinge werden zudem beständig transformiert. Jedes Ding, jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch prägt seiner- und ihrerseits den Gesamtzusammenhang. Diese Wahrheit wird in allen Kreationen des Universums erkennbar, in den noch so kleinen oder noch so großen ebenso wie in den besonders auffälligen und auch in den vermeintlich unscheinbaren Dingen, die die Natur erschaffen hat. Und so kann auch ein vom breiten Strom angeschwemmtes, gefundenes Stück Holz zum Schlüssel eines Erklärungsmodells werden, das sich im Atelier der Künstlerin befindet.

Fokussieren wir uns auf ein Detail des organischen Schwemmgutes, so erkennen wir feingliedrige Strukturen in der Gestaltung. Das ist der Moment, wo in der gegenständlichen Form das kleinteiligere, abstrakte Detail erkennen. Somit steckt in jedem Gegenstand ein abstrakte Kleinwelt. „Die Askese, sich nur auf das Sehen zu verlassen und allem Wissen abzuschwören, erneuert die Wirklichkeit.“ 

Cézanne fand heraus, dass sich die erkannte Wirklichkeit  mit der gesehenen nicht deckt. Er versuchte daher zu malen, was er wirklich sah – mittels der „sensationes colorantes“ – der Seh- oder Farbdaten. „Und damit streifte er den Dogmatismus des Wissens ab, er unterwarf sich der Arbeit des Auges und ihren Evidenzen.“ Das anscheinend Selbstverständliche, die Existenz der Dinge, wurde dadurch zu etwas Unbekanntem, zu etwas, das es zu entdecken und allererst zu deuten gilt. Wenn wir das Wellenspiel auf einem ruhigen See, die Rillen auf unserer Fingerkuppe oder vielleicht auch die Wachstumslinien auf Tierfellen näher betrachten, so merken wir bestimmte Muster, die letztendlich auf das Pulsieren, die Dynamik der Dinge, auf die eigene Formung und  das Geformtwerden durch äußere Faktoren hinweisen. In organischen, aus der Natur stammenden Formen wird sehr häufig eine rhythmisierte Gestaltung erkennbar.

 

Das Leben vollzieht sich in einem ständigen Veränderungsprozess, der in Wellen erfolgt. Verdichtung und Ausdehnung sind ein bipolares Prinzip wie das Einatmen und Ausatmen, wie Ebbe und Flut.

 

 

Das Seiende als Gewordenes zu begreifen

Musik, Literatur, darstellende Kunst offenbaren sich in der Zeit. Der Handlungsbogen entrollt sich in diesen Genres erst durch die Darstellung im Verlauf der Zeit. Ein Gemälde oder eine Grafik ist  ebensowenig ein stehendes Werk, sondern voller Leben und Dynamik. Die zeitenden Qualitäten im Bild im Sinne von Veränderungen und Verläufen zu sehen gehört zu den großen Herausforderungen in der Kunstbetrachtung. Lassen wir Johann Wolfgang von Goethe sprechen, wenn er in Venedig in einer elegischen Stimmung über die Vergänglichkeit der Zeit räsonniert: 

„Goethe in Venedig: Am Michaelistag, dem 29. September 1786. Nachdem ich müde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen Gassen verlassend, und fuhr, mir das entgegengesetzte Schauspiel zu bereiten, den nördlichen Teil des großen Kanals durch, um die Insel der heiligen Klara, in die Lagunen, den Kanal der Giudecca herein, bis gegen den Markusplatz, und war nun auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. […] Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie (die Markusrepublik) unterliegt der Zeit, wie alles, was ein erscheinendes Dasein hat.“ Die Republik Venedig unterlag der Zeit, wie alles, was als Phänomen erfahrbar ist. Allem Erscheinenden liegt eine permanente Veränderung zugrunde. Dieses ist ein besonders wichtiger Topos in den Arbeiten Anna Maria Brandstätters.

 

 

Spuren im Sand, wenn sich das Meer zurückzieht

Spuren im Gesicht, wenn die Alterung sich bemerkbar macht

Spuren im Holz, wenn dieses von Jahr zu Jahr neue Ringe anlegt

 

 

Nahtlos erscheint dies alles einem höheren Plan unterworfen. Eines geht in das Andere über. In seinem Lied  „Il viaggio“ (Die Reise) singt Gian Maria Testa: „[…] ma chissà dove il fiume incontra il mare?“ (Aber wer weiß, wo der Fluss auf das Meer trifft?) 

Isaac Newton (1642-1727) soll angeblich gesagt haben: „Ich weiß nicht, als was mich die Welt sieht; ich selbst sehe in mir lediglich eine kleinen Jungen, der an der Küste spielt und es darauf abgesehen hat, einen besonders glatten Kiesel oder eine besonders schöne Muschel zu finden, während das große Meer der Wahrheit unergründlich vor mir liegt.“

Dieser Metapher nachspürend mögen die Arbeiten Anna Maria Brandstätters als von Künstlerhand geschaffene Muscheln und Kieselsteine gesehen werden.  Als kostbare Fundstücke, deren Sinn darin liegen könnte, uns ein Stückchen weiterzubringen auf der Verortung unserer eigenen Existenz im breiten Strom des Lebens.

 

 

 

 

 

Urban, Martin: Wie der Mensch sich orientiert. Von der Kunst, dem Leben eine Richtung zu   geben. Frankfurt/Main 2004, S. 13.

Ubaldo, Nicola: Bildatlas Philosophie. Die abendländische Ideengeschichte in Bildern, Berlin 2007, S. 218.

Ebd. S. 28.

Boehm, Gottfried: Paul Cézanne. Montagen Sainte Victoire. Frankfurt/Main 1988, S. 27.

Goethe, Italienische Reise. Erste Aufl. Frankfurt/Main und Leipzig 1998, S. 93.

Urban, Martin: Wie sich der Mensch orientiert. Von der Kunst, dem Leben eine Richtung zu geben. Frankfurt/Main 2004, S. 62.